Der Bitcoin-Kurs notiert aktuell im Bereich von 68.000 US-Dollar und hat damit seit seinem Rekordhoch von 125.426 US-Dollar – bereits über 45 Prozent an Wert eingebüßt. Das Marktsentiment deutet indes auf keine unmittelbare Erholung hin. Der „Fear & Greed Index“ verharrt mit 14 Punkten im Bereich der „extremen Angst“. Angesichts gescheiterter Ausbruchsversuche über die 70.000-Dollar-Marke und makroökonomischer Unsicherheiten stellen sich Analysten und institutionelle Investoren die Frage, wo der zyklische Boden zu verorten ist.
Das Wichtigste im Überblick:
- Technisches Bären-Setup: Eine „Bear Pennant“-Formation auf dem Tageschart deutet auf eine kurzfristige Fortsetzung der Korrektur bis in den Bereich von 56.000 US-Dollar hin.
- Historische Zyklik: Modelle von Ned Davis Research (NDR) projizieren basierend auf vergangenen Bärenmärkten ein potenzielles Kursziel von 31.000 US-Dollar.
- Zeitliche Komponente: Historische Korrekturphasen dauerten durchschnittlich 225 Tage an, während der aktuelle Abschwung erst 129 Tage zählt, was auf eine weitere Phase der Bodenbildung hindeutet.
- Extremszenarien: Während 10.000 US-Dollar als theoretisches „Maximum Pain“-Szenario im Raum stehen, gelten Zonen um den Realized Price als wahrscheinlicherer Boden.
Historischer Vergleich: Bärenmärkte 2018 und 2022
Um die aktuelle Marktlage adäquat einzuordnen, ist ein Blick auf vergangene Kapitulatiosereignisse unerlässlich. Analysten von Ned Davis Research (NDR) verweisen in ihrer jüngsten Untersuchung auf die drastischen Wertverluste früherer Krypto-Winter. Seit 2011 verlor Bitcoin in Bärenmärkten durchschnittlich 84 Prozent seines Wertes. Besonders prägnant ist der Vergleich zum Bärenmarkt 2018, in dem der Kurs von knapp 20.000 auf 3.200 US-Dollar fiel, sowie der Zyklus 2022, der nach Zinserhöhungen und dem Terra-Luna-Kollaps einen Rückgang um 77 Prozent auf rund 15.500 US-Dollar verzeichnete.
Aktuell beläuft sich der Drawdown auf rund 45 Prozent. Sollte sich die Geschichte exakt wiederholen, wäre der Boden noch nicht erreicht. Pat Tschosik und Philippe Mouls von NDR warnen, dass ein vollständiger Krypto-Winter Abschläge von 70 bis 75 Prozent vom Allzeithoch bedeuten könnte.
Quelle: Coinglass
On-Chain-Metriken wie der MVRV-Z-Score (Market Value to Realized Value) befinden sich zwar in abgekühlten Bereichen, signalisieren jedoch noch nicht jene historische Unterbewertung, die typischerweise das absolute Markttief markiert. Die Dauer der Korrektur spielt hierbei eine ebenso entscheidende Rolle wie die Preissetzung; mit bisher 129 Tagen liegt der aktuelle Abwärtstrend deutlich unter dem historischen Durchschnitt von 225 Tagen bis zur Bodenbildung.
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Drei Szenarien im Realitätscheck
Die aktuelle Marktstruktur lässt sich in drei Wahrscheinlichkeitsszenarien unterteilen, die von technischer Korrektur bis hin zu makroökonomischer Kapitulation reichen.
Szenario 1: Die technische Korrektur auf 56.000 US-Dollar
Kurzfristig dominiert eine klassische Fortsetzungsformation das Chartbild. Wir haben derzeit ein sogenanntes „Bear Pennant“ (Bärenwimpel) identifiziert, das sich nach dem steilen Abverkauf von den Höchstständen gebildet hat.
Quelle: TradingView
Ein Durchbruch unter die untere Begrenzung dieses Wimpels würde rechnerisch ein Kursziel von etwa 56.000 US-Dollar aktivieren. Dies deckt sich mit Analysen, die On-Chain-Daten von CryptoQuant heranziehen, welche ebenfalls im Bereich von 55.000 bis 56.000 US-Dollar massive Unterstützungszonen durch realisierte Volumina lokalisieren.
Szenario 2: Der zyklische Bärenmarkt bis 31.000 US-Dollar
Das Basisszenario der NDR-Analysten geht von einer tieferen Bereinigung aus. Ein Rückgang auf 31.000 US-Dollar entspräche einem weiteren Wertverlust von rund 55 Prozent vom aktuellen Niveau und einem Gesamtabschlag von über 70 Prozent vom Allzeithoch. Dies würde den Kurs in die Nähe des Durchschnittspreises vergangener Akkumulationsphasen bringen. Business Insider zitiert die Analysten mit der Warnung, dass solche Korrekturen notwendig sein könnten, um spekulative Übertreibungen vollständig abzubauen.
Szenario 3: Das „Nuclear Winter“-Szenario bei 10.000 US-Dollar
Das extremste Szenario, das in der Headline als Worst-Case genannt wird, impliziert eine vollständige Invalidierung des institutionellen Narrativs der letzten Jahre. Ein Fall auf 10.000 US-Dollar würde nicht nur alle Gewinne des aktuellen Zyklus auslöschen, sondern Bitcoin unter sein realisiertes Preisniveau von 2020 drücken.
Während dieses Szenario angesichts der ETF-Strukturen und der institutionellen Adoption als statistischer Ausreißer gilt, dient es Analysten als Marker für systemische Risiken – etwa bei einer globalen Rezession gepaart mit regulatorischen Verboten. Um solche Marktphasen und Wendepunkte korrekt zu identifizieren, ist die Beobachtung der Anleger-Kapitulation essenziell, die auf diesem Niveau extrem wäre.
Was bedeutet das für deutsche Anleger?
Für deutsche Investoren ergibt sich aus der charttechnischen Schwäche eine komplexe Situation, die jedoch steuerlich vorteilhaft genutzt werden kann. Wer Coins, die 2025 nahe dem Allzeithoch erworben wurden, nun mit Verlust verkauft, realisiert diesen steuerlich. Dies kann unter Umständen zur Verrechnung mit anderen Gewinnen aus privaten Veräußerungsgeschäften (§ 23 EStG) im selben Jahr genutzt werden oder per Verlustvortrag zukünftige Gewinne neutralisieren.
Für langfristige Anleger (Hodler) gilt weiterhin die Spekulationsfrist von einem Jahr. Ein Verkauf in Panik bricht diese Frist. Strategisch orientierte Investoren nutzen Szenarien wie die 31.000-Dollar-Marke oft für gestaffelte Nachkäufe (Dollar-Cost-Averaging), um den durchschnittlichen Einstiegspreis zu senken, anstatt Positionen im Verlust abzustoßen. Das Risiko weiterer Abwärtsbewegungen sollte jedoch im Portfoliomanagement, insbesondere bei der Positionsgröße, zwingend berücksichtigt werden.
Ausblick: Technische Marken und Zeithorizont
Kurzfristig liegt der Fokus auf der Validierung oder Invalidierung des Bärenwimpels. Ein Tagesschlusskurs unter 60.000 US-Dollar würde die Wahrscheinlichkeit für das 56.000-Dollar-Szenario drastisch erhöhen. Sollte auch diese Marke fallen, rücken die zyklischen Tiefststände in den Fokus. Anleger sollten jedoch beachten, dass auch institutionelle Prognosen volatil sind; so hat beispielsweise Standard Chartered ihre Bitcoin-Prognose an die neuen makroökonomischen Realitäten angepasst. Eine Bodenbildung wird gemäß historischen Daten voraussichtlich mehrere Monate in Anspruch nehmen, ehe eine nachhaltige Trendwende eingeleitet werden kann.
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