Carolyn Wilkins, Mitglied des Financial Policy Committee der Bank of England, hat in einer Rede an der Queen’s University Belfast am 15. September 2026 eine bemerkenswerte These aufgestellt: Das Wachstum dollar-denominierter Stablecoins könnte die globale Dominanz der US-Währung verstärken und zugleich die Nachfrage nach US-Staatsanleihen erhöhen. Zugleich warnt sie davor, dass dieselbe Verbindung bei massenhaften Rücknahmen zur Belastung für die Anleihemärkte werden könnte.
Das Wichtigste im Überblick:
- Carolyn Wilkins (BoE Financial Policy Committee) sieht Dollar-Stablecoins als potenziellen Verstärker der US-Währungsmacht
- Tether (USDT) und Circle (USDC) hielten Ende 2025 zusammen fast 150 Milliarden US-Dollar in Treasury Bills, mit Nettokäufen von rund 33 Milliarden US-Dollar im Jahresverlauf
- Rund 98 Prozent des über 300 Milliarden US-Dollar schweren Stablecoin-Marktes sind an den US-Dollar gebunden
- Bei großflächigen Rücknahmen könnten Emittenten zu Verkäufen von Treasury Bills gezwungen werden, was Volatilität in einem bereits angespannten Markt verschärfen könnte
Stablecoin-Wachstum könnte Dollar- und Treasury-Nachfrage stärken
Nach Wilkins‘ Einschätzung wirken dollar-denominierte Stablecoins über mehrere Kanäle auf die internationale Rolle der US-Währung. Sie erleichtern grenzüberschreitende Abwicklungen, erweitern den Zugang zu dollarbezogenen Vermögenswerten außerhalb der USA und erhöhen die Nachfrage nach Treasurys, die Emittenten als Reserven halten.
Konkret werden diese Effekte bereits messbar: Tether und Circle hielten Ende 2025 zusammen fast 150 Milliarden US-Dollar in Treasury Bills und kauften im Jahresverlauf laut den von Wilkins zitierten Daten weitere rund 33 Milliarden US-Dollar hinzu. Damit zählen die größten Stablecoin-Emittenten bereits zu den relevanten Käufern kurzlaufender US-Staatsanleihen.
Wilkins betont jedoch, dass diese Verbindung in beide Richtungen wirkt. Bei ausreichender Größe könnten massenhafte Rücknahmen Emittenten dazu zwingen, Treasury Bills zu verkaufen – und damit Volatilität in einem Markt verstärken, der ohnehin bereits unter Druck stehen kann.
Die Aussage der Bank-of-England-Vertreterin
In ihrer Rede ordnet Wilkins Stablecoins als eine Form privaten digitalen Geldes ein und diskutiert, welche Folgen ihre breite Nutzung für die internationale Währungsmacht haben könnte. Dabei macht sie deutlich, dass die langfristigen Auswirkungen noch offen sind – die Entwicklung des Marktes befindet sich aus ihrer Sicht in einer frühen Phase.
Diese Zurückhaltung ist bemerkenswert, weil sie von einer Institution kommt, die selbst an der Regulierung von Stablecoins arbeitet. Die Bank of England positioniert sich damit als Beobachterin eines Prozesses, dessen Ausgang auch aus ihrer eigenen Perspektive nicht feststeht.
Warum die Dollarbindung entscheidend ist
Der Kontext dieser Einschätzung ist ein rasant wachsender Markt. Stablecoins im Umlauf erreichten laut den in der Rede zitierten Daten Mitte 2026 rund 300 Milliarden US-Dollar, gegenüber weniger als 5 Milliarden US-Dollar Anfang 2020. Davon entfallen laut Wilkins rund 98 Prozent des Werts auf den US-Dollar – ein Anteil, der der US-Währung einen erheblichen First-Mover-Vorteil verschafft, sobald Stablecoins über ihre ursprüngliche Rolle in Kryptomärkten hinauswachsen.
Aktuell werden Stablecoins vor allem innerhalb des Krypto-Ökosystems genutzt – als Abwicklungsmittel für Handel und Kreditvergabe, als Sicherheit, zur Bereitstellung von Liquidität und als Brücke zwischen Kryptomärkten und traditionellem Geld. Wie stark diese Nutzung wächst, lässt sich unter anderem an der jüngsten Sky-Prognose zum Stablecoin-Wachstum ablesen, die den Markttreiber als zentral für die kommenden Jahre einordnet.
Für deutsche Anleger ist diese Dynamik relevant, weil sie zeigt, wie eng Stablecoin-Wachstum inzwischen mit klassischer Geldpolitik und Anleihemärkten verzahnt ist – ein Thema, das auch in der aktuellen US-Debatte über Stablecoins, Banken und regulatorische Rahmenbedingungen eine Rolle spielt.
Ausblick auf Regulierung und Nutzung
Die Bank of England selbst treibt parallel einen eigenen Rahmen für systemische, pfund-denominierte Stablecoins voran, den sie laut Wilkins‘ Rede kürzlich veröffentlicht hat. Zusätzlich hat die Notenbank getestet, ob Stablecoins und ein simuliertes digitales Pfund bei grenzüberschreitenden Handelszahlungen zusammenwirken können.
Solche Interoperabilitätstests zeigen, dass Zentralbanken die Technologie nicht nur beobachten, sondern aktiv in mögliche Zahlungsinfrastrukturen einbinden wollen. Ein konkretes Beispiel für programmierbare, institutionell abgesicherte Stablecoin-Anwendungen liefert der Schweizer Franken-Stablecoin CHFD in der Regulierungs-Sandbox, der die makroökonomische Perspektive um einen praktischen Anwendungsfall ergänzt.
Wilkins‘ Rede lässt sich nachlesen in der Original-Publikation der Bank of England. Für Anleger bleibt die zentrale Botschaft: Stablecoins sind längst kein reines Krypto-Thema mehr, sondern ein Faktor, der die Nachfrage nach US-Staatsanleihen und die internationale Rolle des Dollars direkt beeinflussen kann.
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