In diesem Beitrag
- „Kein Grund für eine breite Korrektur“ – so klingt die neue Gelassenheit
- Früher reichte ein Funke – heute scheint der Markt abgehärtet
- Die 90.000er-Marke als Prüfstein – und als Magnet
- Derivatemarkt: Die Bären haben geblinzelt
- Venezuela: Politik, Öl, Schulden – und die Frage, was das für Risikoassets bedeutet
Es ist Samstagmorgen, kurz nach sechs Uhr UTC, als die Meldungen über einen US-Angriff auf Venezuela um die Welt laufen. Dreißig Minuten soll die Operation gedauert haben. Ein klar getakteter, koordinierter Schlag. In den vergangenen Jahren hätten solche Schlagzeilen den Kryptomarkt regelmäßig in Unruhe versetzt. Erst hektische Verkäufe, dann wackelige Erholungsversuche, dazwischen Liquidationen und ein Hauch von Panik. Diesmal passierte etwas Merkwürdiges, Bitcoin bleibt erstaunlich ruhig.
Der Kurs steht inzwischen wieder bei rund 91.300 USD. Kein Einbruch, kein „Blutbad“, keine Kaskade aus roten Kerzen. Wer auf eine spontane Großkorrektur gesetzt hatte, bekam eher eine Lektion in Geduld, oder, je nach Positionierung, eine schmerzhafte Rechnung.
„Kein Grund für eine breite Korrektur“ – so klingt die neue Gelassenheit
Der niederländische Analyst Michael van de Poppe brachte die Stimmung früh auf den Punkt. Er rechne nicht mit einer allgemeinen Korrektur aufgrund des Angriffs, schrieb er. Seine Begründung ist simpel: Das Ereignis wirke „eingepreist“, geplant, bereits vorbei. Und vor allem, es gebe wenig Anzeichen dafür, dass daraus unmittelbar „mehr Negativität“ in den Märkten entstünde.
Solche Einschätzungen sind nicht neu. Neu ist eher, wie wenig Widerspruch sie aktuell erzeugen. Denn Bitcoin hat in der Vergangenheit durchaus gezeigt, dass geopolitische Unsicherheit schnell in Volatilität umschlägt.
Früher reichte ein Funke – heute scheint der Markt abgehärtet
Wer sich an Juni 2025 erinnert, hat noch das Beispiel Teheran im Kopf. Nach Explosionen, die später Israel zugeschrieben wurden, rutschte Bitcoin innerhalb von rund 90 Minuten um etwa 2,8 Prozent ab, von grob 106.042 auf 103.053 USD. Das war ein klassischer Reflex.
Jetzt, Anfang Januar 2026, wirkt der Markt anders sortiert. Der Analyst Tyler Hill formulierte es sinngemäß so: Der Markt kippt vor allem dann, wenn Händler erwarten, dass die Lage schlimmer wird. Genau dieses Eskalationsgefühl fehle in der aktuellen Situation, zumindest kurzfristig. Und wenn die Angst nicht durchschlägt, fehlt oft auch der Auslöser für die große Verkaufswelle. Bitcoin verteidigt eine Zone, die psychologisch und technisch entscheidend ist.
Die 90.000er-Marke als Prüfstein – und als Magnet
In den letzten 24 Stunden bewegte sich Bitcoin laut Kursbeobachtungen grob in einer Spanne zwischen 89.900 und 91.600 USD. Auffällig waren die Intraday-Rebounds: Immer wieder tauchten Käufer auf, sobald der Kurs in die Nähe der 90.000er-Region kam. Diese Zone ist derzeit so etwas wie ein Marktvertrag. Solange Bitcoin darüber bleibt, glauben viele an Stabilität. Fällt er darunter, würde die Stimmung vermutlich schneller kippen.
Dass Bitcoin aktuell über 91.300 USD handelt, ist also nicht nur „irgendein Preis“. Es ist ein Signal. Käufer sind da, und sie scheinen bereit, eine runde Marke zu verteidigen.
Derivatemarkt: Die Bären haben geblinzelt
Interessant wird es bei den Liquidationen. In einem 24-Stunden-Fenster wurden gehebelte Bitcoin-Positionen im Umfang von rund 60 Millionen USD liquidiert, wobei ein sehr großer Anteil auf Short-Positionen entfiel (in den Daten tauchen Größenordnungen von etwa 55 Millionen Dollar Shorts auf). In anderen Zusammenfassungen ist sogar von ungefähr 65 Millionen USD Short-Liquidationen gegenüber nur wenigen Millionen Long-Liquidationen die Rede.
Die genaue Zahl schwankt je nach Datenquelle und Zeitpunkt, die Aussage bleibt jedoch gleich. Viele hatten auf fallende Kurse gesetzt und wurden überrascht. Wenn der Kurs nicht fällt, sondern über einer Supportzone anzieht, werden Shorts „aus dem Markt gedrückt“. Das ist kein fundamental neuer Kaufdruck, aber er kann Bewegungen verstärken und kurzfristig Momentum erzeugen.
Parallel zum geopolitischen Lärm lief ein technisches Setup ab, das Händler mögen. Bitcoin hatte sich über Wochen in einer Art Kompression festgefahren, mit dünner Liquidität und wiederholten Anläufen rund um 90.000 USD. Solche Phasen sammeln Orders, Stops und Erwartungen. Wenn das Level dann bricht, werden diese Orders wie Domino-Steine aktiviert.
Venezuela: Politik, Öl, Schulden – und die Frage, was das für Risikoassets bedeutet
Während der Bitcoin stabil bleibt, ist die Lage in Venezuela alles andere als stabil. Die Festnahme von Nicolás Maduro und die Ernennung von Delcy Rodríguez zur Interimspräsidentin erzeugen ein Machtvakuum, das Washington offenbar strategisch nutzen will. Trump sprach davon, die USA würden Venezuela „führen“ oder „regieren“. Eine Formulierung, die bewusst maximalen Druck erzeugt. Gleichzeitig soll Außenminister Marco Rubio eine zentrale Rolle übernehmen.
Im Mittelpunkt steht auffällig der Rohstoff Öl. Trump betonte öffentlich eine US-Präsenz in Bezug auf venezolanisches Öl. Im Raum steht eine größere Rolle für Unternehmen wie Chevron, die bereits unter bestimmten Ausnahmeregeln operieren. Eine mittelfristige Wiederbelebung der venezolanischen Ölindustrie könnte, so eine ökonomische Einschätzung, die globalen Ölpreise langfristig um etwa 4 Prozent drücken. Das wäre für die Inflation relevant und könnte Risikoassets stützen, weil sinkende Energiepreise die Finanzierungsbedingungen entspannen.
Gleichzeitig hängt über dem Land eine Schuldenwolke. Venezuela ist seit Ende 2017 kontsant überschuldet. Analysten schätzen rund 60 Milliarden Dollar an ausstehenden, notleidenden Bonds, während die gesamte externe Verpflichtung, inklusive PDVSA, bilateraler Kredite und Schiedsgerichtsurteile, auf ungefähr 150 bis 170 Milliarden USD beziffert wird. Das venezolanische nominale BIP wird für 2025 auf etwa 82,8 Milliarden USD geschätzt, was eine Debt-to-GDP-Spanne von grob 180 bis 200 Prozent bedeutet.
Brisant ist zudem der Citgo-Komplex. Ein PDVSA-Bond mit ursprünglicher Fälligkeit 2020 war über eine Beteiligung an Citgo besichert, und in US-Gerichtsverfahren konkurrieren Gläubiger um Ansprüche. Allein in Delaware sollen Forderungen von rund 19 Milliarden USD registriert sein. Viele Bonds handeln derzeit bei ungefähr 27 bis 32 Cent pro Dollar. Citi kalkulierte zuletzt mit einem notwendigen Haircut von mindestens 50 Prozent, während in Szenarien Werte um 40 Cent (NPV) und im Bestfall bis etwa 48 Cent bei ölgebundenen Zusatzinstrumenten diskutiert werden. Andere Investoren nannten Bandbreiten um 30 bis 35 Cent, wenn sich Politik und Sanktionslage verbessern.
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