Bitcoin setzt seine Erholung am Freitag fort und steigt um mehr als zwei Prozent auf rund 64.000 US-Dollar. Damit kehrt kurzfristig neues Momentum zurück, nachdem die größte Kryptowährung zuletzt zeitweise deutlich unter 60.000 US-Dollar gefallen war.
Dennoch bleibt das übergeordnete Bild angeschlagen: Vom Rekordhoch bei rund 126.000 US-Dollar aus dem Oktober 2025 notiert Bitcoin weiterhin knapp 50 Prozent entfernt. Angst, institutionelle Verkäufe und schwache Kapitalzuflüsse bestimmten zuletzt die Stimmung.
Nun liefert jedoch eine On-Chain-Analyse erste Hinweise darauf, dass der Verkaufsdruck nachlässt und sich möglicherweise eine neue Akkumulationsphase entwickelt.
Das Wichtigste im Überblick:
- Bitcoin erholt sich, doch der übergeordnete Bärenmarkt bleibt weiterhin klar intakt.
- Nachlassender Verkaufsdruck deutet erstmals auf eine mögliche neue Akkumulationsphase hin.
- Glassnode sieht tiefe Bewertung, aber wichtige Bestätigungssignale für den Boden fehlen.
- Extreme UTXO-Verluste sprechen historisch dennoch für attraktive langfristige Einstiegschancen.
Bitcoin vor neuem Bullenmarkt? Dieses Signal macht Hoffnung
Das sogenannte „Bitcoin STH Realized Pressure Model“ zeigt derzeit eine auffällige Verschiebung. Während der violett dargestellte Verkaufsdruck über weite Teile der vergangenen Monate dominierte, gewinnt zuletzt der grüne Kaufdruck deutlich an Bedeutung. Nach mehreren Wochen aggressiver Abgaben scheinen Käufer wieder verstärkt verfügbare Bitcoin aufzunehmen. Besonders relevant ist, dass diese Nachfrage in der Nähe der Kostenbasis kurzfristiger Halter entsteht.
Bitcoin is Showing early signs of a new accumulation cycle!
After weeks of elevated selling pressure, spot market outflows appear to be stabilizing as buyers begin to step in around the short-term holder cost basis, a level that has historically acted as a key battleground… pic.twitter.com/z9DcKG2xdt
— Lucky (@LLuciano_BTC) July 10, 2026
Die Short-Term-Holder-Kostenbasis beschreibt vereinfacht den durchschnittlichen Preis, zu dem Anleger ihre Bitcoin erworben haben, deren Coins erst seit weniger als 155 Tagen gehalten werden. Diese Marktgruppe reagiert gewöhnlich sensibler auf Kursverluste als langfristige Investoren. Fällt Bitcoin unter ihre durchschnittlichen Einstiegspreise, drohen Angst, Verlustrealisierungen und zusätzlicher Verkaufsdruck. Stabilisiert sich der Kurs dagegen rund um diese Zone, kann sich das Verhalten langsam von Kapitulation hin zu Akkumulation verschieben.
Genau diese Entwicklung deutet das Modell aktuell an: Der Verkaufsdruck nimmt ab, während Käufer das angebotene Volumen zunehmend absorbieren. Gleichzeitig bleiben langfristige Halter laut der zugrunde liegenden Analyse vergleichsweise zurückhaltend mit Verkäufen. Dadurch könnte das frei verfügbare Angebot begrenzt bleiben, sofern die Nachfrage weiter steigt.
Ein bestätigter Bullenmarkt lässt sich daraus allerdings noch nicht ableiten. Auch die Grafik zeigt, dass frühere Phasen zunehmenden Kaufdrucks nicht automatisch eine sofortige und dauerhafte Trendwende ausgelöst haben. Für ein belastbares Signal müsste Bitcoin die Erholung über mehrere Wochen fortsetzen. Entscheidend wären eine konstant starke Spot-Nachfrage, bessere Liquiditätsbedingungen und die Rückeroberung wichtiger technischer Widerstände.
Dennoch verändert sich das kurzfristige Kräfteverhältnis. Sollte der Kaufdruck weiter steigen und Bitcoin oberhalb von 60.000 bis 64.000 US-Dollar stabil bleiben, könnte aus der aktuellen Erholung tatsächlich der Beginn einer neuen Akkumulationsphase entstehen. Von einem neuen Bullenmarkt zu sprechen, wäre noch verfrüht – doch erstmals seit Wochen liefern die On-Chain-Daten wieder vorsichtig bullische Signale.
Glassnode warnt: Der endgültige Bitcoin-Boden fehlt noch
Eine aktuelle Glassnode-Analyse zeichnet jedoch ein deutlich vorsichtigeres Bild. Demnach notiert Bitcoin seit rund fünf Monaten sowohl unter dem sogenannten True Market Mean bei etwa 76.600 US-Dollar als auch unter der Kostenbasis kurzfristiger Halter bei rund 72.200 US-Dollar. Damit befindet sich der Markt weiterhin in einer Phase tiefer Bewertung, ohne dass ein bestätigter Boden vorliegt.
Glassnode: Bitcoin Remains in Deep Value, but Bottom Confirmation Signals Are Still Missing
According to Glassnode, Bitcoin has traded below the True Market Mean of $76,600 and the short-term holder cost basis of $72,200 for about five months, keeping it in deep value territory… pic.twitter.com/TJBNQUi7uk
— Wu Blockchain (@WuBlockchain) July 8, 2026
Besonders auffällig ist der steigende Verkaufsdruck langfristiger Investoren. Ihr Anteil am gesamten realisierten Verlustvolumen erhöhte sich seit Anfang Februar von 15 auf 43 Prozent. Zeitweise erreichten die täglichen realisierten Verluste rund 280 Millionen US-Dollar – den höchsten Stand seit Dezember 2022. Das deutet darauf hin, dass selbst erfahrene Marktteilnehmer zunehmend Positionen mit Verlust verkaufen.
Auch bei den Bitcoin-ETFs fehlt weiterhin eine klare Trendwende. Zwar gingen die täglichen Abflüsse von 193 auf rund 88,9 Millionen US-Dollar zurück, sie bleiben jedoch negativ. Gleichzeitig liegt das tägliche Handelsvolumen mit 650 bis 950 Millionen US-Dollar rund 80 Prozent unter dem Hoch vom Oktober 2025.
Glassnode sieht Bitcoin deshalb möglicherweise in einer späten Phase der Bodenbildung. Eine Bestätigung erfordere jedoch nachlassende Verkäufe langfristiger Halter, stabilere ETF-Zuflüsse und eine Rückkehr über zentrale Kostenbasis-Niveaus. Die ersten bullischen Signale sind damit vorhanden, doch der endgültige Beweis für einen neuen Bullenmarkt fehlt weiterhin.
UTXO-Daten deuten auf außergewöhnliche Kapitulation hin
Noch deutlich bullischer fällt die Einschätzung von Bitcoin-Analyst Adam Livingston aus. Er verweist auf den Anteil profitabler Bitcoin-UTXOs, der am 30. Juni auf nur 40,11 Prozent gefallen sei. Damit habe der Wert im untersten 0,08-Prozent-Bereich aller täglichen Beobachtungen seit 2016 gelegen. Aktuell befinden sich laut seiner Auswertung wieder knapp 50 Prozent der UTXOs im Gewinn.
Was June 30th the Bitcoin bottom?
Bitcoin UTXOs in profit. The June 30 reading occupied the bottom 0.08% of all daily observations since 2016.
Bitcoin needed an 82.5% drawdown to generate comparable UTXO distress in 2019, 74.8% during March 2020, and only 53.1% today.… pic.twitter.com/8YUDeCmUus
— Adam Livingston (@AdamBLiv) July 10, 2026
Bemerkenswert sei vor allem, dass Bitcoin für ein vergleichbares Ausmaß an Anlegerstress heute einen deutlich geringeren Kursverlust benötige. 2019 war dafür ein Drawdown von 82,5 Prozent notwendig, im März 2020 waren es 74,8 Prozent. Im aktuellen Zyklus reichten dagegen bereits rund 53,1 Prozent. Livingston interpretiert dies als Hinweis darauf, dass die UTXO-Verteilung inzwischen wesentlich sensibler auf Kursverluste reagiert.
Historisch traten vergleichbare Extremwerte nur selten auf. Nach dem Signal im Dezember 2018 verlor Bitcoin zunächst höchstens weitere 7,5 Prozent, bevor der Kurs innerhalb von zwölf Monaten um 119 Prozent stieg. Im März 2020 fiel das Signal sogar direkt mit dem Tief zusammen. Seit dem 30. Juni 2026 sei Bitcoin nach maximal 4,1 Prozent zusätzlichem Abwärtsrisiko bereits rund acht Prozent gestiegen. Die Daten sprechen damit für extreme Überverkauftheit – allerdings bleibt die historische Stichprobe sehr klein.
Bitcoin-Bodenbildung wird wahrscheinlicher
Die verschiedenen On-Chain-Signale zeichnen ein zunehmend konstruktives Bild. Der kurzfristige Verkaufsdruck lässt nach, erste Käufer absorbieren wieder Angebot und die UTXO-Daten zeigen außergewöhnlich starken Anlegerstress. Historisch entstanden in vergleichbaren Phasen attraktive langfristige Einstiegschancen.
Dennoch bleibt Vorsicht angebracht. Glassnode sieht wichtige Bestätigungssignale weiterhin nicht erfüllt. Bitcoin müsste zentrale Kostenbasis-Niveaus zurückerobern, die ETF-Ströme stabilisieren und den Verkaufsdruck langfristiger Halter nachhaltig reduzieren. Damit könnte der 30. Juni tatsächlich ein bedeutendes Tief gewesen sein.
Ein neuer Bullenmarkt ist jedoch erst bestätigt, wenn aus der aktuellen Erholung eine stabile, von echter Spot-Nachfrage getragene Aufwärtsbewegung entsteht.
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