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Der CLARITY Act sollte als historischer Meilenstein die regulatorische Unsicherheit in den USA beenden, doch stattdessen ist ein offener Machtkampf zwischen der Krypto-Industrie und dem Bankensektor entflammt. Nachdem der US-Senat restriktive Änderungen an der Gesetzesvorlage vornahm, zog Coinbase seine Unterstützung demonstrativ zurück und brachte damit den gesamten Gesetzgebungsprozess zum Stillstand. Im Kern des Streits steht die Lukrativität von Stablecoins, die nun zum Schauplatz einer fundamentalen Richtungsentscheidung für den amerikanischen Finanzplatz 2026 geworden ist.
Das Wichtigste im Überblick:
- Coinbase zieht Unterstützung zurück: Die Börse lehnt die Senatsversion des CLARITY Act ab und erzwingt damit die Absage des Committee-Markups – ein seltener, öffentlicher Bruch mit dem Gesetzgebungsprozess.
- 1,35 Milliarden Dollar im Feuer: Ein Zinsverbot auf Stablecoins würde Coinbases lukrativsten Einnahmestrom direkt bedrohen – und das Geschäftsmodell des USDC-Partners Circle erschüttern.
- Die Branche ist gespalten: Während Coinbase auf Konfrontationskurs geht, plädiert Andreessen Horowitz für einen Kompromiss – ein Riss, den Banken-Lobbyisten gezielt ausnutzen werden.
Coinbase steht nicht länger hinter dem CLARITY-Act
Lange Zeit galt die Regulierung von Stablecoins in den USA als eine Formalität – ein technischer Nachvollzug einer bereits gelebten Marktpraxis, den die Krypto-Industrie und die politische Klasse gemeinsam gestalten würden. Wer bisher davon ausging, dass Washington und die Blockchain-Branche nach dem regulatorischen Tauwetter unter der neuen US-Administration zügig einen belastbaren Rechtsrahmen schaffen würden, muss heute umdenken. Die Frontlinien verlaufen nicht mehr zwischen Krypto-Befürwortern und Krypto-Gegnern, sondern mitten durch den Gesetzgebungsprozess selbst.
Im Zentrum des Konflikts steht der CLARITY Act, ein Gesetzentwurf, der eigentlich Klarheit für digitale Vermögenswerte bringen sollte. Stattdessen hat die Neufassung des US-Senats das genaue Gegenteil bewirkt: Coinbase, die größte amerikanische Kryptobörse mit einem Stablecoin-Umsatz von 1,35 Milliarden Dollar allein im Jahr 2025, hat die Unterstützung für den Gesetzentwurf öffentlich zurückgezogen. Das Markup der Senate Banking Committee wurde daraufhin abgesagt. Ein milliardenschwerer Einnahmestrom steht auf dem Spiel – und mit ihm die Frage, ob das künftige US-Krypto-Recht den Interessen der Blockchain-Industrie oder der klassischen Bankenwelt dienen wird.
Die eigentliche analytische Frage lautet daher: Ist der Widerstand von Coinbase ein taktisches Manöver im Verhandlungspoker, oder markiert er einen fundamentalen Bruch, der die gesamte US-Krypto-Gesetzgebung für Monate blockieren könnte?
Wie aus einem Klarheitsgesetz ein Zankapfel wurde
Der CLARITY Act entstand ursprünglich im US-Repräsentantenhaus als Versuch, das regulatorische Vakuum für digitale Vermögenswerte zu beenden. Der Entwurf definierte Kategorien wie digitale Rohstoffe, Investitionsverträge und Payment-Stablecoins und schuf damit erstmals eine kohärente Taxonomie für den US-Krypto-Markt. Wie wir bereits im Kontext der Abstimmung über den Clarity Act analysiert haben, galt dieser Entwurf als Meilenstein auf dem Weg zur regulatorischen Reife des US-Krypto-Markts.
Der Senat übernahm den Entwurf jedoch nicht, sondern schrieb ihn vollständig neu. Die Senate Banking Committee-Fassung, mitgeprägt durch Beiträge beider Parteien, dehnt die Aufsichtsbefugnisse der US-Börsenaufsicht SEC erheblich aus, schränkt tokenisierte Aktien ein und weitet den Zugriff auf DeFi-Transaktionsdaten nach dem Bank Secrecy Act aus. Vier konkrete Punkte veranlassten Coinbase, die Unterstützung zu entziehen: erweiterte SEC-Kompetenzen, Beschränkungen bei tokenisierten Wertpapieren, verschärfte Datenzugriffsregeln für dezentrale Protokolle und – als unmittelbarster wirtschaftlicher Hebel – die Stablecoin-Zinsregelungen.
Den Zankapfel schärfte ein Kompromissvorschlag der Senatoren Angela Alsobrooks (D-Maryland) und Thom Tillis (R-North Carolina). Ihr Zusatz würde es Kryptobörsen verbieten, Renditen auf Stablecoin-Guthaben auszuzahlen – über die bereits im Basisentwurf vorgesehenen Ausnahmen für Treue- und Incentive-Programme hinaus. Für Coinbase ist das keine abstrakte Regulierungsfrage: Die Partnerschaft mit Circle und dem Stablecoin USDC generiert einen erheblichen Teil jener 1,35 Milliarden Dollar Stablecoin-Umsatz. Die Circle-Aktie verlor nach Bekanntwerden des Kompromissvorschlags rund 20 Prozent an einem einzigen Handelstag.
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Strategische Einordnung: Warum dieser Streit mehr ist als ein Lobbykonflikt
Auf den ersten Blick wirkt der Widerstand von Coinbase wie ein klassisches Lobbying-Manöver: Ein Unternehmen, dessen Umsatz direkt betroffen ist, übt öffentlichen Druck auf Gesetzgeber aus. Doch die tiefere Struktur dieses Konflikts ist eine andere. Es geht um die Frage, wer künftig die Schnittstelle zwischen Einlagengeld und digitalem Kapital kontrollieren darf – und zu welchen Bedingungen.
Traditionelle Banken kämpfen nicht aus regulatorischem Prinzip gegen Stablecoin-Zinsen. Sie kämpfen, weil ein attraktives Renditeprodukt auf Dollar-Basis außerhalb des Bankensystems ihnen Einlagen entzieht, die sie für die Kreditvergabe benötigen. Paul Grewal, Chief Legal Officer von Coinbase, hat diesen Konflikt in Interviews offen als Stellvertreterkrieg zwischen Banken-Lobby und Krypto-Innovation bezeichnet. Ähnliche Dynamiken haben wir bereits im Kontext des Streits zwischen Wall-Street-Banken und Krypto-Unternehmen um Banklizenzen beobachtet – damals wie heute ist der Kampf ums Terrain, nicht um Prinzipien.
Nach unserer Einschätzung ist das Damoklesschwert des Zinsverbots kein technischer Regulierungsdetail, sondern ein Burggraben-Moment: Wer die Zinshoheit über Stablecoins kontrolliert, kontrolliert mittelfristig die Massenadoption dollarbasierter Krypto-Produkte. Ein Verbot würde US-Nutzer faktisch auf Offshore-Plattformen treiben, die solche Renditen ohne regulatorische Beschränkung anbieten – eine Ironie, die im politischen Betrieb Washingtons bisher kaum thematisiert wird. Patrick Witt, Berater des US-Präsidenten für digitale Vermögenswerte, rät öffentlich zur Gelassenheit und bezeichnet die Kritik als uninformiert. Diese Beschwichtigung wirkt angesichts eines 20-Prozent-Kurseinbruchs bei Circle und 41 Prozent Kursverlust bei Coinbase über sechs Monate wenig überzeugend.
Bemerkenswert ist die Spaltung innerhalb der Krypto-Industrie selbst. Chris Dixon von Andreessen Horowitz postete öffentlich auf X, man solle den CLARITY Act jetzt voranbringen – ein Signal, dass für Venture-Capital-getriebene Akteure wie a16z Stablecoin-Zinsen weniger existenziell sind als für börsennotierte Exchange-Unternehmen. Diese Fragmentierung schwächt die kollektive Verhandlungsposition der Branche gegenüber einer geschlossenen Bankenlobby.
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Regulatorischer Vergleich: US-CLARITY Act vs. Europas MiCA-Rahmen
Der Streit um den CLARITY Act gewinnt an Schärfe, wenn man ihn neben den europäischen Ansatz stellt. Die EU hat mit der Markets in Crypto-Assets Regulation (MiCA) einen Rechtsrahmen geschaffen, der seit Mitte 2024 vollständig in Kraft ist – und der in zentralen Punkten bewusst andere Prioritäten setzt als die diskutierte US-Senatsversion.
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Dimension |
US-CLARITY Act (Senatsversion) |
EU-MiCA-Rahmen
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|---|---|---|
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Stablecoin-Zinsen |
Verbot von Renditezahlungen auf Stablecoin-Guthaben (Alsobrooks/Tillis-Zusatz) |
E-Geld-Token dürfen keine Zinsen zahlen; Asset-Referenced Token unterliegen strengeren Kapitalregeln |
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Aufsichtsbehörde |
Erweiterte SEC-Kompetenzen, parallele CFTC-Zuständigkeit |
Nationale Behörden (BaFin in DE), koordiniert durch ESMA |
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DeFi-Datenzugang |
Erweiterter staatlicher Zugriff auf Transaktionsdaten (Bank Secrecy Act) |
DeFi derzeit weitgehend außerhalb des MiCA-Rahmens; Review für 2025 angekündigt |
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Tokenisierte Aktien |
Beschränkungen im Senatsentwurf |
Unter MiFID II reguliert; separater Pilotrahmen für DLT-Marktinfrastruktur |
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Rechtssicherheit |
Unklar – Markup abgesagt, Verhandlungen gestoppt |
In Kraft; Unternehmen operieren bereits unter MiCA-Lizenzen |
Das entscheidende Gefälle ist die Rechtssicherheit: Europäische Krypto-Unternehmen wissen heute, unter welchem Regime sie operieren. US-Unternehmen wie Coinbase kämpfen noch darum, dass dieses Regime überhaupt definiert wird – und zu ihren Bedingungen. Für internationale Investoren ist das ein struktureller Nachteil des US-Markts, der sich in der Kursperformance börsennotierter Krypto-Unternehmen bereits widerspiegelt.
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Szenario-Analyse: Einigung oder Blockade im Senat?
Szenario 1 (Bullisch): Kompromiss schützt Stablecoin-Erträge
Senatorin Cynthia Lummis hat öffentlich bekräftigt, man arbeite rund um die Uhr an einer Lösung, die Krypto-Erträge schützt und gleichzeitig kleinere Banken absichert. Gelingt ein Kompromiss, der Stablecoin-Zinszahlungen unter definierten Bedingungen erlaubt – etwa in Form regulierter Renditeprodukte mit Transparenzpflichten –, könnte Coinbase die Unterstützung für den CLARITY Act wiederherstellen. Ein verabschiedetes Gesetz würde die regulatorische Unsicherheit beseitigen, die seit Monaten auf den Aktienkursen von Coinbase und Circle lastet. In diesem Szenario wäre ein Re-Rating der COIN-Aktie, die seit sechs Monaten 41 Prozent verloren hat, realistisch.
Szenario 2 (Bärisch): Legislativer Stillstand treibt Kapital offshore
Scheitern die Verhandlungen zwischen Coinbase, der Senate Banking Committee und dem Weißen Haus – das laut Berichten bereits mehrere Geheimtreffen ohne Einigung abgehalten hat –, droht ein monatelanger legislativer Stillstand. In diesem Szenario bleibt das regulatorische Vakuum bestehen, während Offshore-Plattformen ohne Zinsverbote US-Nutzern attraktivere Stablecoin-Produkte anbieten. Die Analysten der Bank Mizuho haben den politischen Stillstand in Washington bereits direkt für den Kursrutsch bei Circle verantwortlich gemacht. Ein fortgesetzter Stillstand würde institutionelles Kapital, das auf regulatorische Klarheit wartet, in europäische oder asiatische Märkte umleiten.
Fazit: Regulatorisches Minenfeld mit Milliardenfolgen
Nach unserer Einschätzung ist der Rückzug von Coinbase kein taktisches Manöver, das sich durch diplomatische Verhandlungsrunden schnell auflösen lässt. Er markiert einen strukturellen Konflikt um die Kontrolle über das profitabelste Segment des Krypto-Markts: dollarbasierte Renditeprodukte, die traditionellen Bankeinlagen direkt Konkurrenz machen. Die Bankenlobby hat das Potenzial dieser Disruption früher erkannt als viele Krypto-Analysten – und sie nutzt den Gesetzgebungsprozess mit präziser Effizienz als Verteidigungslinie.
Die Spaltung innerhalb der Krypto-Industrie – Coinbase auf Konfrontationskurs, a16z auf Kompromisslinie – ist dabei ein Brandbeschleuniger, kein Stabilisierungsfaktor. Je länger diese interne Fragmentierung anhält, desto stärker ist die Verhandlungsposition der traditionellen Finanzbranche.
Anleger sollten jetzt konkret beobachten, ob Senatorin Lummis und die Senate Banking Committee eine neue Markup-Session ansetzen und ob die Alsobrooks/Tillis-Zusätze zu Stablecoin-Zinsen in überarbeiteter Form zurückkehren. Erst wenn Coinbase und die Gesetzgeber öffentlich signalisieren, dass sie an denselben Formulierungen arbeiten, ist eine Bodenbildung bei COIN und Circle-Papieren analytisch begründbar.
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