In diesem Beitrag
- Gesenktes Kursziel, aber kein Abschied vom Optimismus
- Warum ein deutlicher Anstieg trotzdem realistisch erscheint
- Ein Narrativ verliert an Kraft
- Neue Hoffnungsträger: Spot-Bitcoin-ETFs
- Rückblick: Ein Jahr voller Erwartungen – und Enttäuschungen
- Ein Markt im Wandel
- Fazit: Große Chancen, aber kein Automatismus
Der Bitcoin-Markt hat in den vergangenen Jahren gelernt, mit Extremen zu leben. Mal dominierte Aufbruchstimmung, mal kam der Kater ziemlich abrupt und zwar so, dass viele Anleger erst spät merkten, wie schnell sich die Richtung ändern kann. Genau dieses Hin und Her steckt auch in der aktuellen Debatte, nachdem aus dem Umfeld von Standard Chartered wieder eine markante Einschätzung zu hören ist.
Dort sorgt eine Krypto Prognose für Aufmerksamkeit, die Hoffnung macht und gleichzeitig zur Vorsicht zwingt. Im Zentrum steht Geoffrey Kendrick, Chefanalyst für digitale Assets bei der Bank. Er gilt seit Jahren als überzeugter Bitcoin-Befürworter, hat seine Erwartungen zuletzt aber spürbar zurechtgestutzt. Allein das reicht, um in der Szene genauer hinzuschauen.
Denn wenn selbst die Optimisten nicht mehr nur jubeln, sondern die Zahlen nachjustieren, ist das meist ein Hinweis. Es hat sich etwas verschoben.
Gesenktes Kursziel, aber kein Abschied vom Optimismus
Kendrick hat seine langfristige Preisvorstellung deutlich reduziert. Statt der früher in den Raum gestellten 300.000 USD sieht er Bitcoin im Jahr 2026 eher bei etwa 150.000 USD. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Rückzieher.
Tatsächlich ist es eher eine Art Inventur. Kendrick zweifelt nicht grundsätzlich an Bitcoin, aber er gewichtet die Lage neu. Der Markt, sagt er sinngemäß, läuft inzwischen anders. Mehr große Player, mehr Regeln, mehr Profi-Geld. Wer alte Wachstumsraten einfach weiterzeichnet, landet schnell bei Zahlen, die gut klingen, aber wenig belastbar sind. Trotzdem bleibt er dabei, für ihn ist Bitcoin weiterhin kaufenswert und ein kräftiger Sprung binnen eines Jahres liegt im Rahmen des Möglichen.
Warum ein deutlicher Anstieg trotzdem realistisch erscheint
Ein Plus von rund 55 Prozent klingt sportlich, besonders wenn man die jüngsten Zickzack-Bewegungen noch im Kopf hat. Kendrick hält dagegen. Viele Störfaktoren seien längst verarbeitet. Politische Querfeuer, Regulierungsthemen, Enttäuschungen nach überdrehten Hypes, all das habe den Markt abgekühlt. Und genau diese Abkühlung könne am Ende sogar helfen.
Aus seiner Sicht wird Bitcoin heute weniger von kurzfristigen „FOMO“-Wellen getragen, sondern stärker von der Marktstruktur selbst, Liquidität, Handelswege, das Verhalten großer Investoren. Das macht Kursschwankungen nicht kleiner, kann aber dafür sorgen, dass Bewegungen weniger zufällig wirken und eher aus Kapitalflüssen heraus entstehen.
Ein Narrativ verliert an Kraft
Deutlich skeptischer äußert sich Kendrick zu einem Trend, der lange als Preistreiber galt: den sogenannten Digital Asset Treasuries. Vor allem seit Michael Saylor und sein Unternehmen begannen, Bitcoin systematisch über die eigene Bilanz zu kaufen, wurde dieses Modell vielfach kopiert. Firmen nahmen Fremdkapital auf oder gaben Anleihen aus, um ihre Bitcoin-Bestände auszubauen. Die Idee dahinter war einfach, Bitcoin als langfristige Reserve, als Absicherung gegen Inflation und geldpolitische Risiken.
Doch laut Kendrick stößt dieses Spiel inzwischen an wirtschaftliche Grenzen. Viele der Firmen, die damit groß rauskommen wollten, seien inzwischen so hoch bewertet, dass zusätzliche Käufe kaum noch Sinn ergeben. Der große Schub aus diesem Segment dürfte damit erst einmal durch sein, jedenfalls in der Dimension, die man aus den vergangenen Jahren kennt. Gleichzeitig erwartet er keine hektische Verkaufswelle. Eher ein Stillstand, Bestände bleiben liegen, aber sie liefern dem Kurs nicht mehr den Rückenwind, den viele Anleger eingeplant hatten.
Die Bestände blieben bestehen, verlieren jedoch ihre Rolle als entscheidender Kurstreiber. Anleger, die weiterhin auf diesen Effekt setzen, könnten enttäuscht werden.
Neue Hoffnungsträger: Spot-Bitcoin-ETFs
Während der Einfluss der Unternehmensbilanzen nachlässt, rücken andere Akteure in den Vordergrund. Besonders Spot-Bitcoin-ETFs gelten als möglicher Motor für die nächste Marktphase. Für institutionelle Investoren bieten sie einen einfachen, regulierten Zugang zu Bitcoin, ohne technische Hürden, ohne eigene Verwahrung.
Kendrick misst diesen Produkten große Bedeutung bei. Vor allem in den USA sieht er weiteres Wachstumspotenzial. Für Kendrick ist das ein klares Zeichen. Das Geld ist da, es wartet nicht auf den „Hype“, sondern auf halbwegs verlässliche Bedingungen.
Rückblick: Ein Jahr voller Erwartungen – und Enttäuschungen
Bitcoin startete 2025 mit Tempo, knackte früh die 100.000-USD-Marke und sah kurz so aus, als ginge es einfach weiter nach oben. Politische Veränderungen in den USA lieferten zusätzliche Fantasie, viele setzten auf eine ruhigere Phase und mehr Akzeptanz.
Dann kam der übliche Realitätscheck. Nach kurzer Stabilität ging es im Frühjahr spürbar abwärts. Im April rutschte der Kurs zeitweise bis auf 76.000 USD ab. Im Sommer folgte zwar eine Erholung, doch der Anstieg in Richtung 126.000 USD im Herbst war am Ende nicht robust. Ein plötzlicher Rutsch zog dem Markt den Boden weg, Gewinne verdampften. Und zum Jahresende blieb Bitcoin in einer Spanne von 86.000 bis 94.000 USD hängen, deutlich unter dem, was viele erwartet hatten.
Ein Markt im Wandel
Kendrick vermeidet einfache Urteile. Für ihn ist Bitcoin weder ein bloßes Risikoinvestment noch ein verlässlicher Krisenanker. Der Markt, so seine Sicht, steckt in einer Übergangsphase. Er wird institutioneller, professioneller und dadurch auch anspruchsvoller. Volatilität bleibt dabei keine Randnotiz, sondern gehört fest dazu, besonders in Zeiten geopolitischer Reibung.
Fazit: Große Chancen, aber kein Automatismus
Ein Kursanstieg um rund 55 Prozent ist möglich, mehr aber auch nicht. Kendrick sieht Gründe dafür: ETF-Zuflüsse, mehr institutionelles Geld, weniger technische Hürden. Gleichzeitig ist der Markt inzwischen so „erwachsen“, dass er schneller auf Politik, Stimmung und Kapitalflüsse reagiert. Wer investiert, muss das aushalten können.
Ob der nächste große Sprung kommt oder ob Bitcoin erst einmal seitwärts läuft, hängt weniger an einzelnen Köpfen als früher. Entscheidend ist, ob das große Geld dauerhaft bleibt, nicht nur für einen schnellen Trade, sondern über Monate hinweg. Die Chance ist da. Sicher ist es nicht.
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