Mike McGlone, Senior Commodity Strategist bei Bloomberg Intelligence, schwimmt an den Märkten gerne gegen den Strom. Während Bitcoin sich hartnäckig um die Marke von 70.000 US-Dollar bewegt und die allgemeine Marktstimmung bereits neue Allzeithochs anvisiert, erneuert McGlone eine düstere Prognose: Ein Absturz auf 10.000 US-Dollar sei weiterhin möglich.
Für Anleger stellt sich damit unweigerlich die Frage, ob diese Warnung reines Angst-Marketing ist oder ob ein fast beispielloser Drawdown eine statistisch plausible Gefahr darstellt, wenn man historische Daten nüchtern betrachtet.
Das Wichtigste im Überblick:
- Bloomberg-Prognose: Mike McGlone warnt vor einem Rückfall auf 10.000 US-Dollar, begründet durch makroökonomischen Druck und eine Korrektur spekulativer Exzesse.
- Historische Drawdowns: In den Bärenmärkten 2018 und 2022 korrigierte Bitcoin um rund 84 bzw. 77 Prozent – ein Sturz auf 10.000 US-Dollar würde diese Werte historisch übertreffen.
- Experten-Gegenwind: Analysten wie Mati Greenspan sehen ein solches Szenario nur bei extremen Ereignissen wie einem nuklearen Konflikt oder einem globalen Internetausfall.
Die Makro-These: Liquiditätsentzug und Mean-Reversion
McGlone vertritt seit Jahren eine sehr vorsichtige Haltung gegenüber dem Kryptosektor. Er bewertet Bitcoin weniger als das viel beschworene digitale Gold, sondern primär als hochsensiblen Risiko-Indikator. Seine Argumentation stützt sich nicht auf kurzfristiges Rauschen, sondern auf eine makroökonomische Prämisse: In einer Welt steigender Zinsen und sinkender Geldmengen wird Bitcoin in einem tödlichen Gleichschritt mit unprofitablen Tech-Aktien gehandelt.
Die massive Liquiditätsflut der vergangenen Jahre hat die Kurse laut McGlone künstlich aufgebläht. Eine „Mean Reversion“ – also die Rückkehr zum historischen Mittelwert vor den gigantischen Stimulus-Paketen – könnte den Kurs unweigerlich zurück in die Zone von 10.000 US-Dollar drücken, wie er jüngst in einem Interview mit EllioTrades verkündete.
Diese rein makroökonomische Brille übersieht jedoch einen entscheidenden Faktor: die strukturelle Transformation des Marktes. Die Zulassung der Spot-ETFs in den USA, die angebotsverknappende Wirkung des Halvings und die wachsende Integration in institutionelle Bilanzen finden in McGlones Modell schlichtweg kaum Beachtung.
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Historischer Realitätscheck: Was frühere Bärenmärkte uns lehren
Ein Blick in die Marktgeschichte zeigt, dass Bitcoin brutale Krypto-Winter überleben kann. Im Bärenmarkt 2018 brach der Kurs um gut 84 Prozent von knapp 20.000 auf etwa 3.200 US-Dollar ein. Der Absturz zwischen 2021 und 2022 brachte einen Verlust von rund 77 Prozent, als es von 69.000 auf 15.500 US-Dollar abwärts ging.
Ein Rückfall vom aktuellen Niveau auf 10.000 US-Dollar würde allerdings einen Kapitalentzug von mehr als 85 Prozent bedeuten – ein Ereignis, das sämtliche Gewinne der letzten zwei Zyklen auslöschen würde. Rein prozentual gab es derartige Rücksetzer in den Kindertagen des Netzwerks (wie beim Crash 2011) zwar schon, doch die Rahmenbedingungen haben sich radikal gewandelt.
Mit stark wachsender Marktkapitalisierung und Liquidität glätten sich die extremen Volatilitätsspitzen. Analysten wie Jason Fernandes von AdLunam verorten daher selbst im Falle einer harten globalen Rezession einen wesentlich logischeren Boden im Bereich von 28.000 US-Dollar.
„Eine Ableitung des 10.000-Dollar-Ziels aus dem aktuellen Umfeld ist eine Extrapolation ins Absurde. Um Bitcoin heute noch einmal auf dieses Niveau zu drücken, bräuchte es schon ein katastrophales globales Ereignis – wie einen nuklearen Konflikt oder einen weltweiten Ausfall der Stromnetze.“
– Mati Greenspan, Gründer von Quantum Economics
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On-Chain-Daten als Gegenprobe zur Panik
Jenseits der klassischen Charttechnik strafen auch die fundamentalen Daten aus der Blockchain die Extrem-Prognose Lügen. Eine der wichtigsten Metriken ist der „Realized Price“, also der Durchschnittspreis, zu dem alle Bitcoins auf dem Netzwerk zuletzt bewegt wurden. Dieser Wert fungiert in Bärenmärkten traditionell als das ultimative Auffangnetz.
Quelle: Bitbo
Da der Realized Price aktuell deutlich über der Marke von 10.000 US-Dollar notiert, bedeutet das, dass die breite Masse der Investoren zu wesentlich höheren Kursen eingestiegen ist. Ein Fall unter diesen Durchschnittspreis geschieht historisch immer nur für kurze Zeitfenster maximaler Kapitulation.
Quelle: Coinglass
Auch die MVRV-Ratio (Market Value to Realized Value) signalisiert derzeit keine der extremen Blasenbildungen, die typischerweise einem 85-Prozent-Crash vorausgehen. Damit der Kurs auf das von McGlone skizzierte Niveau einbricht, müssten langfristige Halter in blinde Panik verfallen.
Die aktuellen UTXO- und Börsendaten von Analysten wie CryptoQuant belegen jedoch das genaue Gegenteil: Coins fließen von den Handelsplätzen ab, werden länger gehalten und institutionelle Käufer nutzen Rücksetzer konsequent als Einstiegsgelegenheit.
Ein Stresstest, aber kein Basisszenario
Bevor Bitcoin tatsächlich auch nur in die Nähe von 10.000 US-Dollar rutschen kann, müssten zahllose charttechnische Bastionen brechen, die heute von Milliarden an institutionellem Kapital verteidigt werden. McGlones Warnung ist eine berechtigte Erinnerung daran, dass wir uns in einem hochspekulativen Markt befinden, aber aus heutiger Sicht ist dieses konkrete Kursziel ein statistischer Ausreißer. Solange das globale Finanzsystem nicht vor einem totalen Kollaps steht, sprechen die fundamentalen Daten für eine Fortsetzung der Adoption – mit scharfen Korrekturen, aber ohne den totalen Absturz.
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