In diesem Beitrag
In den USA spitzt sich der politische Machtkampf rund um die künftige Regulierung des Kryptomarktes weiter zu. Kurz vor der entscheidenden Phase im Senat erhöht Coinbase den Druck auf die Gesetzgeber und stellt seine Unterstützung für das zentrale Marktstrukturgesetz offen infrage.
Im Kern geht es um eine scheinbar technische, tatsächlich aber hochbrisante Frage: Dürfen Kryptobörsen weiterhin Belohnungen („Rewards“) auf Stablecoin-Guthaben zahlen oder nicht?
Ein Gesetz mit Sprengkraft
In dieser Woche soll der sogenannte Crypto Market Structure Bill erstmals in mindestens einem Senatsausschuss beraten und geändert werden. Das Gesetz gilt als Schlüsselprojekt für die gesamte Branche, da es erstmals klar regeln soll, welche digitalen Vermögenswerte unter die Zuständigkeit der Börsenaufsicht SEC und welche unter die Rohstoffbehörde CFTC fallen.
Doch ausgerechnet an einem Detail droht das Paket zu kippen, dem Umgang mit Stablecoin-Erträgen. Nach Informationen aus Branchenkreisen lässt Coinbase intern ausrichten, man könne die bisherige politische Rückendeckung zurückfahren, wenn der Entwurf mehr vorsieht als strengere Informationspflichten. Sobald aus „Transparenz“ eine echte Beschränkung der Rewards wird, wäre das für die Börse eine rote Linie und für Washington ein deutliches Signal, wie ernst die Lage aus Sicht der Industrie ist.
Warum Stablecoin-Rewards für Coinbase so wichtig sind
Stablecoins wie USDC bilden einen zentralen Bestandteil des Geschäftsmodells von Coinbase. Gemeinsam mit dem Emittenten Circle partizipiert das Unternehmen an den Zinserträgen aus den Reserven, die die Token absichern. Besonders in Phasen schwacher Kryptomärkte sind diese Einnahmen ein stabiler Umsatzanker. Aktuell wirbt Coinbase aktiv dafür, USDC auf der eigenen Plattform zu halten, unter anderem mit jährlichen Rewards von rund 3,5 Prozent für bestimmte Kundenprogramme.
Wenn der Gesetzgeber dieses Anreizmodell kappt, hätte das sehr konkrete Auswirkungen. Marktbeobachter rechnen damit, dass Coinbase 2025 rund 1,3 Milliarden USD an Stablecoin-bezogenen Erlösen erzielt hat. Ein Posten, der in einem Seitwärts- oder Bärenmarkt besonders schwer wiegt. Ein Verbot würde diesen Zufluss nicht nur bremsen, sondern auch das Nutzungsverhalten verändern. Wer keine Rewards mehr bekommt, parkt USDC womöglich seltener auf der Börse und Coinbase verliert einen Teil des stabilen Grundeinkommens.
Banken gegen Krypto: Ein alter Konflikt flammt neu auf
Getrieben wird die Debatte vor allem vom traditionellen Bankensektor. Bankenverbände warnen, verzinste Stablecoin-Guthaben könnten Einlagen aus dem klassischen Bankensystem abziehen, mit Folgen für Kreditvergabe, regionale Wirtschaft und Verbraucher. In einem Brief der American Bankers Association heißt es sinngemäß, dass besonders kleinere Gemeinden leiden würden, wenn Milliarden aus Bankeinlagen abwandern. Weniger Mittel für kleine Unternehmen, Landwirte, Studierende oder Hauskäufer. Außerdem, so das Argument, könnten Krypto-Plattformen die Lücke nicht schließen, schon weil ihre Angebote nicht FDIC-versichert sind, ein Hinweis, der in Werbung und Marketing häufig zu kurz komme.
Die Kryptoindustrie hält dagegen. Man versuche lediglich, Innovation zu ermöglichen, die bereits politisch gewollt sei. Einschränkungen bei Rewards würden das Rad zurückdrehen und Wettbewerbsfähigkeit kosten.
Der GENIUS Act als Referenzpunkt
Besonders brisant ist die Debatte vor dem Hintergrund des bereits verabschiedeten GENIUS Act. Dieses Gesetz, eines der ersten großen Krypto-Vorhaben der zweiten Trump-Regierung, schafft erstmals einen bundesweiten Rechtsrahmen für Stablecoin-Emittenten.
Zwar untersagt der GENIUS Act den Emittenten, „Zins“ oder „Yield“ allein fürs bloße Halten ihrer Token auszuschütten. Gleichzeitig bleibt aber Spielraum. Drittanbieter, also etwa Börsen oder Zahlungs-Apps, werden nicht automatisch daran gehindert, eigene Bonus- oder Reward-Programme anzubieten. Genau auf diese Trennlinie beruft sich Coinbase. Aus Sicht des Unternehmens wäre ein striktes Reward-Verbot im Marktstrukturgesetz ein Kurswechsel durch die Hintertür, und damit ein Bruch mit dem Kompromiss, der beim GENIUS Act mühsam ausgehandelt wurde.
Politischer Druck und viel Geld
Dass Coinbase mit seiner Drohung ernst genommen wird, liegt auch an der politischen Schlagkraft der Branche. In den Wahlzyklen 2023 und 2024 war die Kryptobranche der größte Unternehmensspender in den USA. Coinbase selbst spendete eine Million US-Dollar für die Amtseinführung von Donald Trump und unterstützt weitere Projekte aus dem Umfeld der Regierung.
DeFi als weiterer Unsicherheitsfaktor
Parallel zur Stablecoin-Debatte wächst der Druck aus einer anderen Ecke der DeFi-Community. Entwickler dezentraler Finanzanwendungen fordern klare Schutzklauseln, damit sie nicht für die Nutzung ihrer Software haftbar gemacht werden. Sollte der Gesetzentwurf hier zu vage bleiben, könnte auch dieser Teil der Branche seine Unterstützung entziehen. Damit steht der Senat vor einem Balanceakt. Zu harte Regeln riskieren, Innovation ins Ausland zu treiben.
Zu weiche Regeln wiederum liefern Angriffspunkte. Kritiker würden sofort mangelnden Verbraucherschutz, zu viel Lobbyeinfluss oder eine Einladung zum Missbrauch monieren. Genau deshalb wird in den Verhandlungen so hart um Formulierungen gerungen, nicht um Schlagzeilen, sondern um juristische Details, die am Ende darüber entscheiden, wer was darf und wer wofür haftet.
Ein Gesetz auf der Kippe
Analysten von Bloomberg Intelligence schätzen die Wahrscheinlichkeit, dass das Marktstrukturgesetz noch in der ersten Jahreshälfte verabschiedet wird, inzwischen auf unter 70 Prozent.
Ohne Coinbase und womöglich ohne die DeFi-Fraktion, könnte das Projekt politisch ausbluten, mindestens aber stark ins Rutschen geraten. Gleichzeitig läuft den Senatoren die Zeit davon. Je näher die Midterm-Wahlen rücken, desto weniger Lust besteht auf heikle Abstimmungen, die im Wahlkampf als „zu krypto-freundlich“ oder „zu innovationsfeindlich“ ausgelegt werden könnten. Und in Washington gilt: Was nicht rechtzeitig durchs Verfahren kommt, landet schnell in der Warteschleife.
Fazit: Mehr als nur Rewards
Was nach einer Detailfrage klingt, ist in Wahrheit ein Grundsatzstreit über die Zukunft des US-Kryptomarkts. Geht es am Ende nur um Verbraucherschutz und Finanzstabilität oder auch darum, wie viel Raum die USA dem digitalen Dollar-Ökosystem lassen wollen? Coinbase hat jedenfalls deutlich gemacht, dass man die Rewards-Frage nicht als Nebensatz behandelt sehen will. Die kommenden Tage im Senat dürften deshalb richtungsweisend werden. Nicht nur für Bonusprogramme auf Stablecoins, sondern für die Architektur der Krypto-Regeln insgesamt und damit auch für die Frage, ob die USA beim Thema digitale Finanzinfrastruktur vorne mitspielen oder anderen Märkten das Feld überlassen.
Warum Sie 99Bitcoins vertrauen können
99Bitcoins wurde 2013 gegründet und verfügt über ein Team von Experten, deren Erfahrung bis in die Anfänge der Kryptozeit zurückreicht.
Wöchentliche Recherche
100k+Monatliche Leser
Experten
2000+Krypto-Projekte unter die Lupe genommen

