Wenn Changpeng Zhao heute über einen möglichen Krypto-Superzyklus spricht, dann tut er das nicht aus der Rolle eines euphorischen Start-up-Gründers. Es ist die Stimme eines Mannes, der Höhen und Tiefen der Branche wie kaum ein anderer erlebt hat, wirtschaftlich, politisch und persönlich.

Und genau deshalb werden seine Aussagen aufmerksam gelesen, auch wenn sie umstritten bleiben. Zhao, den fast jeder nur als „CZ“ kennt, glaubt, dass der Kryptomarkt bis 2026 in eine Phase eintreten könnte, die klassische Zyklen hinter sich lässt. Keine kurze Rally, kein spekulativer Hype, sondern ein längerer Strukturwandel.

Ein ungewöhnlicher Werdegang

Wer verstehen will, warum Zhaos Worte bis heute Kurven schlagen, muss bei seiner Geschichte anfangen. Geboren 1977 in China, groß geworden in einem Land im Umbruch, kam er als Jugendlicher nach Kanada, in eine Welt, in der man sich erst einmal ein neues Leben erarbeiten muss. Politische Brüche, Migration, Neustart. Das gehört zu seiner Biografie, lange bevor Krypto für ihn zur Bühne wurde.

 

Der Neustart war nicht glamourös. Zhao arbeitete als Jugendlicher unter anderem in einer McDonald’s-Filiale, studierte später Informatik an der McGill University und fand schließlich seinen Weg in die Finanzsoftware-Branche der frühen 2000er-Jahre. Der entscheidende Wendepunkt kam deutlich später, mit Bitcoin. Zhao verkaufte Berichten zufolge 2014 seine Wohnung, um in die damals noch junge Kryptowährung zu investieren.

Drei Jahre später gründete er Binance. Was folgte, war einer der schnellsten Aufstiege der Finanzgeschichte. Innerhalb weniger Monate entwickelte sich Binance zur größten Kryptobörse der Welt.

Wachstum um jeden Preis – und die Folgen

Der rasante Erfolg hatte allerdings Schattenseiten. Binance expandierte global, während viele regulatorische Fragen ungeklärt blieben. Nationale Aufsichtsbehörden kamen mit dem Tempo kaum hinterher.

Lange schien Binance nach dem Motto zu handeln: erst Marktanteile, dann Regeln. Doch ab 2023 wurde aus dem Dauerkonflikt ein offener Schlagabtausch. US-Behörden warfen dem Unternehmen systematische Verstöße gegen Geldwäsche- und Sanktionsvorschriften vor. Zhao bekannte sich schuldig, eine Verletzung des Bank Secrecy Act nicht verhindert zu haben, trat als CEO zurück und verbrachte mehrere Monate im Gefängnis.

Binance zahlte Milliardenstrafen. Viele Beobachter erklärten Zhao damals für politisch und wirtschaftlich erledigt. Umso überraschender kam 2025 die Kehrtwende. US-Präsident Donald Trump begnadigte den Binance-Gründer. Die Entscheidung löste international Kritik aus und neue Debatten über politische Nähe, wirtschaftliche Interessen und mögliche Interessenkonflikte. Gleichzeitig kehrte Zhao schrittweise in den öffentlichen Diskurs zurück. Der Markt hört wieder zu Heute ist CZ nicht mehr operativer Chef von Binance, doch seine Stimme hat Gewicht.

Wenn Zhao über Märkte spricht, klingt das weniger nach Produktpitch als nach Lagebericht. Er sieht einen möglichen Superzyklus bis 2026, eine längere Phase, in der Kurse nicht nur von Stimmungen getrieben werden, sondern von harten Faktoren – Geldpolitik, großen Investoren, Regeln.

Zhao nennt dabei drei zentrale Treiber: Geldpolitik, institutionelle Adoption und regulatorische Klarheit.

Makroökonomie: Wenn Liquidität zurückkehrt

Zhaos Blick geht dabei zuerst nach oben, zur Geldpolitik. Nach Jahren hoher Zinsen rechnen viele Marktteilnehmer mit einer Wende. Und jedes Mal, wenn Geld wieder billiger wird, wächst der Appetit auf Risiko: Aktien, Tech und eben Krypto.

Sein Argument: Wenn Liquidität zurückkommt, suchen Anleger Rendite und Alternativen. Bitcoin profitiert in solchen Phasen oft früher als der Rest, nicht weil alles plötzlich „sicher“ wäre, sondern weil er als knappes, global handelbares Asset längst in den Werkzeugkasten der Märkte gerutscht ist.

Bitcoin spiele dabei eine besondere Rolle, weniger als kurzfristiges Spekulationsobjekt, sondern zunehmend als digitales Gegenstück zu Gold. Bitcoin als Gradmesser Anfang Januar 2026 notierte Bitcoin laut Marktdaten bei rund 90.500 US-Dollar. Die Marktkapitalisierung lag bei etwa 1,8 Billionen US-Dollar, die Dominanz bei knapp 60 Prozent. Gleichzeitig hatte der Kurs in den Monaten zuvor deutlich nachgegeben.

Für Zhao ist das kein Widerspruch. Er verweist auf frühere Marktphasen, in denen größere Trends nicht mit neuen Höchstständen begannen, sondern mit Zurückhaltung. Nicht Euphorie, sondern Konsolidierung habe häufig den Boden für langfristige Entwicklungen bereitet. „Superzyklen starten selten laut“, lautet sinngemäß seine Botschaft. Institutionen verändern das Marktumfeld. Ein wesentlicher Unterschied zu früheren Marktphasen liegt im Verhalten institutioneller Investoren.

Seit der Einführung von Spot-Bitcoin-ETFs haben Pensionsfonds, Vermögensverwalter und Großbanken einen regulierten Zugang zum Kryptomarkt. Milliardenbeträge flossen seit 2024 in diese Produkte. Finanzhäuser wie JPMorgan, Morgan Stanley oder Wells Fargo entwickeln eigene Krypto-Strategien. Für Zhao ist das ein struktureller Wandel. Diese Akteure denken nicht in Quartalen, sondern in Zeiträumen von zehn oder zwanzig Jahren.

Genau darin liegt aber auch die Ambivalenz. Institutionen bringen Größe und Seriosität und zugleich neue Arten von Nervosität. Denn wer über ETFs einsteigt, kann auch über ETFs wieder verschwinden. Das dämpft Schwankungen nicht zwingend, in Stressphasen kann es sie sogar beschleunigen.

Regulierung: Vom Feind zum Rahmengeber?

Lange Zeit galt Regulierung als größtes Risiko für Kryptowährungen. Zhao sieht inzwischen einen Rollenwechsel. In den USA wurden mit dem GENIUS Act erstmals klare Regeln für Stablecoins geschaffen. Weitere Gesetzesinitiativen sollen Zuständigkeitskonflikte zwischen Behörden entschärfen.

Ein deutliches Signal war zudem, dass die U.S. Securities and Exchange Commission digitale Assets aus ihrer Prioritätenliste für 2026 strich.

Kritik und offene Fragen

Aber nicht alle glauben an den großen Neustart. Kritiker erinnern daran, dass Zhao lange von Grauzonen lebte und dass Vertrauen in diesem Markt schnell bricht. Andere verweisen auf Klagen, politische Kontroversen und den Image-Schaden, der Krypto seit Jahren begleitet.

Und selbst wenn Regeln klarer werden, bleibt die Kernfrage offen. Reicht das für einen Superzyklus? Oder ist der Markt inzwischen so groß, so politisch und so eng an klassische Finanzströme gekoppelt, dass ein jahrelanger Aufwärtslauf kaum noch „frei“ entstehen kann?

Fazit: Eine These mit Geschichte – und Risiko

Changpeng Zhao ist keine neutrale Figur. Seine Biografie spiegelt die Dynamik der Kryptobranche wider, Aufstieg, Grenzüberschreitung, Korrektur und Rückkehr. Genau das verleiht seiner Superzyklus-These Gewicht und macht sie zugleich angreifbar. Ob 2026 tatsächlich als Beginn einer neuen Krypto-Ära gelten wird, bleibt offen.

Sicher ist nur, dass die Voraussetzungen sich deutlich von früheren Zyklen unterscheiden. Mehr Institutionen, mehr Politik, mehr Regulierung und weniger Naivität. Der mögliche Superzyklus ist damit weniger ein Versprechen als eine Wegbeschreibung. Und vielleicht ist das die nüchternste journalistische Erkenntnis. Nicht die Prognose selbst ist entscheidend, sondern die Frage, ob der Markt inzwischen erwachsen genug ist, sie überhaupt tragen zu können.

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Thomas Pentzek

Thomas Pentzek gehört seit mehr als einem Jahrzehnt zu den deutschsprachigen Autoren, die sich tiefgehend mit Kryptowährungen, Blockchain-Technologien und digitalen Finanzsystemen auseinandersetzen. Dank seiner umfangreichen Erfahrung gelingt es ihm, selbst anspruchsvolle Inhalte so aufzubereiten, dass sie für Leser nachvollziehbar und... Mehr lesen

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