Während die Politik in Washington in dieser Woche die entscheidenden Weichen für den CLARITY Act stellen will, spitzt sich hinter den Kulissen ein Grundsatzstreit weiter zu. Die Banken-Lobby drängt mit Nachdruck darauf, Zinsen und Rewards auf Stablecoins zu verbieten, um Konkurrenz für klassische Einlagen zu begrenzen. Die Krypto-Industrie wehrt sich gegen diese Pläne und warnt vor unterdrückter Innovation.

Nun hat sich auch ein renommierter Ökonom der Columbia University eingeschaltet und widerspricht den zentralen Argumenten der Banken mit deutlichen Worten.

Das Wichtigste im Überblick:

  • Der GENIUS Act verbietet Emittenten Zinsen, erlaubt aber Rewards durch Börsen.
  • Banken nennen das Schlupfloch und warnen vor massiven Abflüssen von Einlagen.
  • Die Krypto-Industrie sieht Rewards als legales, wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell für Nutzer.
  • Ein Columbia-Professor widerspricht: Stablecoins erhöhen global die Nachfrage nach US-Dollar.
  • Er betont, Banken bleiben kreditfähig trotz möglichem Wettbewerb um Einlagen.
  • Zudem seien Großbanken stärker betroffen als kleine Regionalbanken oder Sparkassen.
  • Coinbase knüpft Unterstützung des CLARITY Acts an Erlaubnis für Stablecoin-Rewards.

Banken-Lobby vs. Krypto-Industrie: Streit um Stablecoin-Zinsen

Seit der Verabschiedung des GENIUS Act im Juli 2025, dem ersten bundesweiten US-Gesetz zur Regulierung von Stablecoins, gibt es einen Konflikt zwischen traditionellen Banken und der Krypto-Industrie darüber, wie mit Zinsen bzw. „Rewards“ auf Stablecoins umzugehen ist.

Der GENIUS Act schafft einen rechtlichen Rahmen für Stablecoins, also Kryptowährungen, die 1:1 durch US-Dollar oder qualitativ hochwertige Liquiditätsreserven gedeckt sein müssen. Damit legt dieser erstmals bundesweite Standards für Transparenz, Reserven und Aufsicht fest. Gleichzeitig verbietet der Act Stablecoin-Emittenten ausdrücklich, direkte Zins- oder Ertragszahlungen an Inhaber auszuschütten.

Allerdings enthält der GENIUS Act keine explizite Regelung, die Zins-ähnliche Erträge durch Dritte, etwa Krypto-Börsen und Plattformen, untersagt. Dies nutzen viele Börsen, indem sie Stablecoin-Halter über sogenannte Rewards-Programme oder Ertragsmodelle am Gewinn beteiligen. Aus Sicht der Krypto-Industrie sind diese Programme ein legitimes Geschäftsmodell: Sie ermöglichen es Plattformen, im Wettbewerb zu bleiben und Nutzern attraktive Renditen zu bieten, ohne die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu verletzen. Große Market-Player wie Coinbase argumentieren, dass solche Anreize marktwirtschaftlich sind und Konsumenten zugutekommen.

Die Banken-Lobby hingegen fordert, diese Lücke zu schließen. Verbände wie die American Bankers Association argumentieren, dass solche indirekten Zinszahlungen faktisch mit Bankeinlagen konkurrieren und zu massiven Abflüssen traditioneller Bankeinlagen führen könnten. Dies würde laut Banken die Kreditvergabe und die Finanzstabilität beeinträchtigen. In Briefen an den Kongress und im Rahmen weiterer Gesetzesvorhaben wie dem CLARITY Act versuchen sie, Zins- oder Ertragszahlungen auf Stablecoins auch für Krypto-Plattformen direkt zu verbieten.

Der Kern des Streits liegt also darin, wie weit die Verbote des GENIUS Act reichen sollen: Banken wollen eine Ausweitung des Verbots auch auf Dritte, während die Krypto-Industrie auf der jetzigen Auslegung besteht, die Rewards-Programme erlaubt.

Colombia-Professor widerspricht Banken-Lobby

Ein US-Ökonom der Columbia University hält die Blockade um Stablecoin-Rewards nun für politisch motiviert und zerlegt die wichtigsten Argumente der Banken-Lobby Punkt für Punkt. Denn es gebe fünf Mythen, die die Banken-Lobby gezielt benutze.

Mythos 1: Stablecoins entziehen den Banken Einlagen

Der Professor argumentiert, dass diese Sichtweise die tatsächlichen Kapitalflüsse verzerrt darstellt. Ein großer Teil der Stablecoin-Nachfrage komme aus dem Ausland von Nutzern, die sonst keinen einfachen Zugang zum US-Dollar hätten. Da die Emittenten ihre Token mit Bankeinlagen und US-Staatsanleihen decken müssen, fließt jeder neu ausgegebene Stablecoin-Dollar am Ende in das US-Bankensystem zurück. Selbst der Handel mit den hinterlegten Staatsanleihen erzeugt zusätzliche Bankaktivität. Mehr Stablecoins bedeuteten deshalb in der Praxis eher mehr, nicht weniger, Bankeinlagen. Dies gilt insbesondere, wenn attraktive Rewards die globale Nachfrage weiter erhöhen.

Mythos 2: Stablecoins gefährden die Kreditvergabe

Hier trennt der Ökonom strikt zwischen Profitabilität und Kreditfähigkeit. Wettbewerb um Einlagen könne zwar die Margen der Banken drücken, bedeute aber nicht automatisch weniger Kredite. US-Banken seien aktuell extrem profitabel und säßen zudem auf gewaltigen Reserven bei der Notenbank. Wenn Einlagen abwandern sollten, könnten Institute entweder höhere Zinsen zahlen oder einen Teil dieser überschüssigen Reserven nutzen. Beides würde Gewinne schmälern, aber nicht die Fähigkeit, Kredite zu vergeben. Die politische Debatte schütze aus seiner Sicht eher Bankgewinne als die reale Kreditversorgung.

Mythos 3: Banken sind unersetzlich für die Kreditversorgung

Der Professor verweist darauf, dass Banken nur einen Teil der Kreditvergabe in den USA abdecken. Hypotheken, Unternehmenskredite und Konsumfinanzierungen stammen zu großen Teilen von Kapitalmärkten, Fonds, Versicherern und anderen Nicht-Bank-Akteuren. Selbst wenn Bankeinlagen sinken würden, müsse das nicht zu teureren Krediten führen.

Im Gegenteil: Eine steigende Nachfrage nach US-Staatsanleihen durch Stablecoin-Reserven könne die staatlichen Finanzierungskosten senken und damit indirekt auch viele Kreditkonditionen, die an diese Zinsen gekoppelt sind.


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Mythos 4: Vor allem kleine Regionalbanken sind bedroht

Auch dieses Argument hält er für vorgeschoben. Stablecoins seien in erster Linie ein neues Zahlungssystem und konkurrierten eher mit großen, globalen Zahlungsbanken als mit der lokalen Hausbank eines Landwirts. Kleinere Institute zahlen ihren Kunden ohnehin oft höhere Zinsen und bedienen ein anderes, weniger technikaffines Publikum. Der wahre Wettbewerbsdruck treffe vor allem die großen „Too big to fail“-Banken, die bisher hohe Gewinne im Zahlungsverkehr erzielen konnten.

Mythos 5: Nur Kreditnehmer zählen, nicht Sparer

Zum Schluss kritisiert der Professor die implizite Annahme, man müsse Sparer benachteiligen, um Kreditnehmer zu schützen. Ein Finanzsystem brauche beide Seiten. Wenn Stablecoin-Rewards aus Erträgen auf Staatsanleihen stammen, gehe es letztlich um die Frage, ob diese Erträge ausschließlich bei Banken oder auch bei Endkunden landen dürfen. Das als „Schlupfloch“ zu brandmarken, sei weniger Finanzstabilitätspolitik als Verteilungspolitik zugunsten der etablierten Institute.

Das Fazit enthält damit einen passenden Vergleich:

„Es wäre seltsam, wenn Apple den Kongress dazu drängen würde, bessere Smartphones zu verbieten, anstatt einfach nur das aktuelle Modell zu verbessern. Es wäre seltsam, wenn Ford und GM den Kongress dazu drängen würden, Tesla zu verbieten, anstatt begehrenswerte Elektroautos zu bauen. Es wäre falsch von mir, mich dafür einzusetzen, dass mein Fachbereichsleiter keine neuen Kurse anbietet, anstatt zu versuchen, meine eigenen zu verbessern.

Bei digitalen Währungen ist das nicht anders. Die meisten Bedenken, die die Bankenbranche zu diesem Thema vorbringt, sind unbewiesen und unbegründet.“

Coinbase droht mit Rückzug der Unterstützung für den CLARITY Act

Die US-Krypto-Börse Coinbase hat derweil laut Berichten aus Washington angekündigt, dass sie ihre Unterstützung für den bevorstehenden CLARITY Act abhängig davon macht, ob das Gesetz Einschränkungen bei Stablecoin-Rewards enthält oder nicht.

Coinbase betrachtet die Fähigkeit, Rewards für Stablecoin-Halter, insbesondere für USDC-Bestände auf seiner Plattform, anzubieten, als wichtigen Bestandteil seines Geschäftsmodells und seiner Wettbewerbsfähigkeit. Stablecoin-Rewards spielten eine bedeutende Rolle für Nutzerbindung und Einnahmen.

Der Kernpunkt der aktuellen Auseinandersetzung ist, dass einige Vorschläge zur Ausgestaltung des CLARITY Act über reine Transparenzpflichten hinausgehen und Beschränkungen einführen könnten, die Rewards nur noch für regulierte Banken oder mit einer nationalen Banklizenz ausgestattete Institute zulassen, was de facto viele Kryptounternehmen ausschließen würde. Sollte der finale Text des Gesetzes solche restriktiven Regelungen beinhalten, hat Coinbase laut Insidern signalisiert, dass es seine bisherige Unterstützung für den Gesetzesentwurf überdenken oder zurückziehen könnte.

Diese Entwicklung fällt mitten in eine kritische Phase: Der Entwurf des CLARITY Act steht kurz vor einer Mark-up-Sitzung im Senatsausschuss, die Drohung eines Rückzugs von Coinbase könnte die bipartisane Unterstützung für das Gesetz schwächen oder Verzögerungen verursachen. Denn mittlerweile ist der überparteiliche Entwurf auch da.

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Daniel Robrecht

Nach seinem Rechtswissenschaften- und Management-Studium entschied sich Daniel für eine Tätigkeit als freiberuflicher Autor und verfasst mittlerweile seit rund 10 Jahren qualitative Publikationen zu diversen Fachthemen. Als Investor sammelte er jahrelang Erfahrung mit Aktien & Kryptowährungen. Neben einem langfristigen Investitionsansatz... Mehr lesen

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