In Washington feiern große Stablecoin-Anbieter das neue Regelwerk als Meilenstein. In New York klingt das deutlich weniger nach Aufbruch, eher nach Warnsignal. Eine Gruppe führender Staatsanwälte und Bezirksstaatsanwälte aus dem Bundesstaat New York wirft dem erst seit wenigen Monaten geltenden US-Stablecoin-Gesetz eine gefährliche Lücke vor. Es schaffe Vertrauen und Legitimität, sorge aber nicht dafür, dass Betrugsopfer ihr Geld tatsächlich zurückbekommen.
Der Konflikt ist mehr als ein politisches Scharmützel. Er berührt den Kern der Investment-Story rund um Stablecoins. Sie sollen digitale Dollar für Zahlungen und Kapitalmärkte liefern – schnell, global, rund um die Uhr. Genau dort, wo diese Token massentauglich werden, steigen jedoch auch die Risiken. Und die entscheidende Frage für Anleger lautet nicht nur, ob Reserven sauber gedeckt sind. Sondern auch, wer am Ende die Rechnung bezahlt, wenn Betrug über Stablecoins abgewickelt wird.
Das Wichtigste im Überblick:
- Das US-Stablecoin-Gesetz (GENIUS Act) ist seit dem 18. Juli 2025 in Kraft und schreibt unter anderem 1:1-Reserven sowie Transparenz- und Einlöse-Regeln vor.
- New Yorker Strafverfolger warnen, das Gesetz enthalte keine klare Pflicht, eingefrorene oder gestohlene Stablecoin-Gelder an Betrugsopfer zurückzugeben.
- Im Fokus stehen die großen Emittenten wie Tether und Circle: Kritiker fürchten, dass Anbieter auf strittigen Geldern Erträge aus den Reserven erzielen könnten, während Opfer jahrelang um Erstattung kämpfen.
- Die Debatte fällt in eine Phase, in der Stablecoins zunehmend als „Parallel-Zahlungssystem“ und als Treasuries-Nachfragetreiber diskutiert werden – mit möglichen Nebenwirkungen für Bankeinlagen und Kreditvergabe.
- Kriminalität bleibt der Druckpunkt: Laut Report-Daten entfiel 2024 ein Großteil des illegalen On-Chain-Volumens auf Stablecoins.
Was Washington eigentlich „entschärfen“ wollte
Mit dem Gesetzespaket sollte ein Problem gelöst werden, das Investoren seit Jahren begleitet. Stablecoins sind zwar für Handel und Zahlungen zentral, doch die Aufsicht war zersplittert, und „Schattenrisiken“ wurden häufig erst in Stressphasen sichtbar. Der GENIUS Act gilt als erster großer Bundesrahmen für Payment-Stablecoins in den USA. Er verlangt nach offiziellen Darstellungen unter anderem eine vollständige Deckung der Token durch liquide Reserven (z. B. Bargeld und kurzfristige US-Staatsanleihen) sowie klarere Offenlegung zu Reserven und Einlösung.
Politisch wurde das als Signal gewertet, dass Stablecoins von einer Krypto-Nische zu einem akzeptierten Baustein des Dollar-Systems werden könnten. Donald Trump stellte die Unterzeichnung am 18. Juli 2025 öffentlich als Bestätigung für die Branche dar.
Für Anleger ist diese „Legitimierung“ grundsätzlich wertvoll. Je klarer die Regeln, desto leichter lassen sich Geschäftsmodelle bewerten, von Reserve-Management und Zinsmargen bis hin zu Kosten für Compliance, Audits und Governance. Genau an dieser Stelle setzen die New Yorker Strafverfolger jedoch an.
Die Kritik aus New York – Legitimität ohne Erstattungspfad
Nach Berichten, die sich auf eine Stellungnahme bzw. ein Schreiben der New Yorker Strafverfolger stützen, argumentiert die Koalition, das Gesetz schütze vor allem die Stabilität der Token, nicht aber die Menschen, deren Geld über Betrugsmaschen in Stablecoins umgewandelt wird. Die Ermittler beschreiben, sie würden regelmäßig Strukturen verfolgen, die Stablecoins für Betrug und Geldwäsche nutzen, und versuchten dann, Gelder einzufrieren und einzuziehen, um Opfer zu entschädigen. Genau diese Rückführung werde durch fehlende, eindeutige Rückzahlungs- oder „Clawback“-Vorgaben im Bundesrahmen nicht ausreichend gestützt.
Selbst wenn Token technisch eingefroren sind, sei nicht automatisch geregelt, dass der ökonomische Nutzen aus den zugrunde liegenden Reserven am Ende bei den Opfern landet. Kritiker befürchten daher einen perversen Anreiz. Je länger strittige Mittel blockiert bleiben, desto länger können Emittenten indirekt von Reserve-Erträgen profitieren, während Geschädigte in Rechtsprozessen festhängen.
Reaktion der Industrie: Kooperation ja, Pflicht nein?
Die betroffenen Unternehmen weisen die Vorwürfe in der öffentlichen Debatte zurück oder relativieren sie. In Berichten wird ein Statement von Circle-Manager Dante Disparte zitiert, wonach das Unternehmen finanzielle Integrität priorisiere und das Gesetz klarstelle, dass Emittenten Regeln zur Bekämpfung illegaler Aktivitäten einhalten müssen, während der Konsumentenschutz gestärkt werde.
Für Investoren ist dabei weniger entscheidend, wer in der aktuellen Auseinandersetzung „recht“ hat, sondern welche Anschlussregulierung droht. Denn selbst wenn Emittenten heute kooperieren: Sollte der Gesetzgeber in einem Nachtrag explizite Rückerstattungspflichten, Fristen oder standardisierte Verfahren für eingefrorene Gelder verankern, könnte das die Kostenstruktur verändern und potenziell auch das Haftungsprofil.
Stablecoins als Treasuries-Käufer und Bank-Konkurrent
Die politische und ökonomische Sprengkraft liegt in der schieren Größenordnung, die Stablecoins perspektivisch erreichen können. Forschung der Federal Reserve Bank of Kansas City beschreibt, dass Stablecoin-Wachstum die Nachfrage nach US-Staatsanleihen erhöhen kann. Allerdings vor allem dadurch, dass Geld aus anderen Anlageformen und insbesondere aus Bankeinlagen abwandert. Gleichzeitig warnen die Autoren vor Nebenwirkungen. Wenn Einlagen sinken, kann das die Kreditvergabe der Banken dämpfen, weil Einlagen ein zentraler Refinanzierungsbaustein sind.
Kriminalität als Dauerbrenner: Stablecoins im Fokus der Ermittler
Dass Strafverfolger die Debatte dominieren, hängt auch mit Daten zur On-Chain-Kriminalität zusammen. Im Chainalysis-Report wird für 2024 ein hoher Anteil von Stablecoins am illegalen Transaktionsvolumen beschrieben. Der Report spricht von einer neuen Realität, in der Stablecoins den Großteil der illegalen Menge stellen.
Wichtig ist die Einordnung, mit illegaler Menge wird nicht behauptet, dass Stablecoins per se kriminell sind. Es zeigt vielmehr, dass ein digitaler Dollar, der schnell und global transferierbar ist, für legale wie illegale Zwecke gleichermaßen attraktiv sein kann. Für Investoren ist das ein klassisches Regulierungsrisiko. Je stärker ein Instrument in Betrugs- und Geldwäsche-Narrativen auftaucht, desto wahrscheinlicher werden neue Pflichten, Monitoring-Anforderungen, Meldewege und potenziell auch Eingriffe in Geschäftsmodelle.
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