Deutschland will bei der Krypto-Regulierung Vorreiter sein – und kämpft gleichzeitig mit Bürokratie, IT und hohen Kosten. Im Gespräch mit 99bitcoins ordnet Dr. Sven Hildebrandt, Geschäftsführer bei Bitpanda Asset Management, ein, wie weit Deutschland als Krypto-Standort wirklich ist, was MiCA letztlich für Banken bedeutet und welche Use Cases bis 2026 realistisch sind.

  • Deutschland bietet hohe Rechtssicherheit, verliert aber Tempo durch komplexe Prozesse
  • Seit Ende 2024 gibt es mit MiCA ein einheitliches EU-Regelwerk für Banken
  • eWpG ist ein starker Hebel für tokenisierte Wertpapiere, werden aber noch zögerlich genutzt
  • Kostentreiber: Lizenzen, IT-Compliance, Personal
  • In den nächsten 24 Monaten dürfte es vor allem um tokenisierte Fonds, digitale Anleihen und Embedded-Investments gehen

Wo steht Deutschland bzgl. Krypto-Regulierung heute im globalen Vergleich?

Dr. Hildebrandt zeichnet ein differenziertes Bild: Regulatorisch spiele Deutschland „weiter vorne mit“. Wenige Standorte bieten so viel Klarheit bei Lizenzen, Verwahrung oder bilanzrechtlicher Behandlung von Krypto-Assets. Diese Rechtssicherheit sei besonders hoch.

Operativ sieht es allerdings nicht immer nur perfekt  aus. Prozesse sind manchmal  schwerfällig, Abstimmungen dauern lange, Pilotprojekte verlieren unterwegs Tempo. In der Summe steht Deutschland damit auf dem Papier sehr gut da; in der praktischen Umsetzung hakt es an der ein oder anderen Stelle allerdings noch.

Wo schafft der deutsche Regulierungsansatz Vertrauen – und wo verlangsamt er den Prozess?

Der größte Vorteil des deutschen Ansatzes liegt für Dr. Hildebrandt in der Planbarkeit: Wer sich an klare Lizenz- und Compliance-Regeln hält, kann relativ verlässlich neue Produkte entwickeln. Alles wird detailliert geregelt, was insbesondere institutionellen Investoren Vertrauen geben dürfte.

Auf der anderen Seite bremst diese Detailtiefe aber auch teilweise.

Was ändert sich mit MiCA konkret für deutsche Banken seit Ende 2024 – und was ist realistisch für 2026?

Mit MiCA bekommen Banken zum ersten Mal einen EU-weit einheitlichen Rahmen für Krypto-Dienstleistungen. Für deutsche Institute bedeutet das: mehr Planungssicherheit, aber zunächst auch spürbaren Mehraufwand beim Onboarding neuer Produkte. Die ganz große Innovationswelle dürfte aber eher schrittweise kommen, sobald MiCA in der Praxis „eingelaufen“ ist.

eWpG – was ist heute praxistauglich, was kommt als Nächstes?

Beim Gesetz über elektronische Wertpapiere (eWpG) sieht Hildebrandt einen „starken Hebel“, der bislang noch erstaunlich zaghaft genutzt wird. Technisch und rechtlich sei die Grundlage gelegt, um Wertpapiere auf die Blockchain zu bringen. In der Breite bleibe es aber noch bei Einzelfällen, da die Umsetzung operativ sehr komplex sei.

Als nächste Entwicklungsstufe erwartet Hildebrandt mehr Marktöffnung durch digitale Fondsanteile, tokenisierte Bonds. Diskutiert wird außerdem ein eigener Fondstyp, der explizit exklusiv für die Investition in Kryptowerte konzipiert wird.

Welche Wege finden Institute, um trotz hoher Aufsichtsdichte innovationsfähig zu bleiben? Wie läuft der BaFin-Prozess in der Praxis – und wo hakt es am häufigsten?

In der Praxis, so Hildebrandt, wird viel mit Tech-Partnern zusammengearbeitet. Der BaFin-Prozess selbst sei „im Kern solide“, aber oft langwierig. Hakt es, dann meist an zwei Punkten: Dokumentationslast und unklare Erwartungshaltungen: umfangreiche Unterlagen müssen in hoher Qualität geliefert werden, was Ressourcen frisst und Institute warten teilweise lange auf Feedback, welche Ausgestaltung genau akzeptiert wird.

Was sind die Top-3 Kostentreiber bzw. Zeitfresser in deutschen Projekten?

Hildebrandt benennt die drei Dauerbrenner:

  1. Lizenzierungs- und Abstimmungsprozesse: von der ersten Projektidee bis zur finalen Erlaubnis vergeht oft deutlich mehr Zeit als geplant.
  2. IT-Compliance und interne Kontrollsysteme: neue Projekte müssen bis in die Tiefe in bestehende Kontrollarchitekturen integriert werden.
  3. Personalkosten für spezialisierte Projektteams: Rechtsabteilung, IT-Security, Compliance und Produktentwicklung ist teuer.

Stichwort Kryptoadaption: Wie hat sich die Nachfrage in Deutschland entwickelt – und wo sehen Sie tatsächliche Nutzung und Umsatzpotenzial?

Auf der Nachfrageseite erkennt Hildebrandt einen klaren Zuwachs, insbesondere bei jungen Zielgruppen. Potenzial liege laut Dr. Hildebrandt besonders in Embedded Investment-Angeboten etwa im Retailbanking – weiterhin bleibt aber die Einbindung des guten alten Krypto-Tradings in klassische Bankeninfrastrukturen der Star.

Stablecoins: Wo machen sie in Deutschland heute Sinn – und was bremst noch?

Stablecoins sieht Hildebrandt vor allem in zwei Bereichen als sinnvoll: im Zahlungsverkehr und im Treasury-Management. Sie können Abwicklungszeiten verkürzen, FX-Risiken reduzieren und On-Chain-Transaktionen deutlich effizienter machen als klassische Korrespondenzbank-Strukturen.

Gebremst wird der Einsatz allerdings durch mehrere Faktoren: fehlende Interoperabilität und teilweise noch zurückhaltende Banken. Dennoch beobachtet er „deutlich mehr Momentum“ als noch vor wenigen Jahren.

24-Monats-Ausblick „made in Germany“ – welche Use-Cases sind realistisch?

Für die nächsten zwei Jahre sieht Dr. Hildebrandt tokenisierte Geldmarkt-Fonds, digitale Anleihen sowie White-Label-Investmentlösungen. Dauerbrenner bleibt aber auch weiterhin das Angebot von Krypto-Trading.

Regulierung vs. Innovation – wie fällt Ihr Fazit aus?

Zum Schluss widerspricht Hildebrandt einem gängigen Narrativ: Krypto-Regulierung sei nicht per se der Feind von Innovation, sondern Voraussetzung für nachhaltige Geschäftsmodelle. Entscheidend sei, wie sie ausgestaltet werde.

Seine Diagnose für Deutschland: Der Rahmen sei im Grundsatz gut, natürlich gibt es aber immer noch Raum für Verbesserungen, will man dem Anspruch „Krypto- und Finanzstandort Nummer eins in Europa“ gerecht werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Pia Messerschmitt
Pia Messerschmitt

Pia ist Web3- und AI-Enthusiastin. Als studierte Geisteswissenschaftlerin liebt sie es, den Zeitgeist innerhalb der Gesellschaft zu beobachten und zu analysieren. Ehemalig im Think Tank und Forschungszentrum der Frankfurt School of Finance als Bitcoin-Talent und NFT-Talent im Frankfurt Blockchain Center.... Mehr lesen

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